Über neue Technologien sagt man, sie durchliefen drei Phasen. Zuerst werden sie belächelt. Dann gefürchtet. Dann sind sie selbstverständlich. Das Fernsehen, das Internet, das Smartphone: erst Spielerei, dann Bedrohung, dann Alltag.
Gehirn-Computer-Schnittstellen halten sich nicht an diese Reihenfolge. Sie überspringen die ersten beiden Phasen und beginnen sofort in der dritten. Und das ist kein Zufall, sondern die eigentliche Nachricht.
Wer lächelt über eine geheilte Lähmung
Der Grund liegt im Rahmen, in dem die Technologie ankommt. Die ersten Bilder, die wir von BCI sehen, sind medizinisch. Ein gelähmter Mensch bewegt einen Cursor. Jemand, der seit Jahren nicht sprechen konnte, formt wieder Sätze. Das ist kein Marketingtrick, es ist echt, und es ist beeindruckend.
Aber es hat eine Nebenwirkung für die öffentliche Debatte. Wer lächelt über eine geheilte Lähmung? Wer fürchtet eine zurückgegebene Stimme? Der medizinische Rahmen ist einwandsicher. Widerspruch fühlt sich an wie Widerspruch gegen Heilung. Also findet er nicht statt.
Und wenn dieselbe Technologie später als Konsumprodukt auftaucht, als Kopfhörer, der die Konzentration misst, als Reif, der die Stimmung liest, ist das Zeitfenster für das ethische Argument längst geschlossen. Es hat sich Jahre früher geschlossen, in einem Rahmen, in dem das Argument gar nicht vorkommen durfte. Das ist die Stelle, an der sich Journalistin und Ökonomin in mir einig sind: Die Rahmung beim Eintritt entscheidet, ob eine Debatte je geführt wird. Der medizinische Eintritt ist debattensicher. Und das Geld weiß das.
Die ersten Daten, die niemand entschieden hat
Als Volkswirtin interessiert mich nicht das Implantat. Mich interessiert der Datensatz.
Jeder bisherige Datenmarkt handelte mit Dingen, die wir getan haben. Klicks, Käufe, Wege, Suchanfragen. Handlungen. Unser gesamtes Recht auf Datenschutz und Einwilligung ruht auf einer stillen Annahme: dass Daten Handlungen abbilden, hinter denen ein Urheber steht. Jemand hat etwas getan und kann im Prinzip entscheiden, ob er es preisgibt. Einwilligung setzt einen Autor voraus.
Gehirndaten sind der erste Datensatz, der diese Annahme bricht, und zwar an drei Stellen zugleich.
Sie sind unwillkürlich. Man kann nicht kuratieren, was das eigene Gehirn aussendet. Es gibt kein Nachdenken vor dem Signal.
Sie sind vorsprachlich. Sie entstehen früher als der Moment, in dem man Worte wählt und damit auch entscheiden könnte, was man zeigt.
Und sie sind nicht abstreitbar. Mit Worten kann man lügen. Das Signal liegt oberhalb der Lüge, vor ihr.
Damit gibt es hier keinen Autor im bisherigen Sinn. Einwilligung braucht jemanden, der sich entschieden hat. Bei Gehirndaten gibt es keine Entscheidung, nur eine Ablesung. Unser ganzer rechtlicher Apparat für den Schutz von Daten ist für Handlungen gebaut. Er ist auf etwas nicht vorbereitet, das keine Handlung ist.
Die falsche Schublade
Wir regulieren BCI als Medizinprodukt. Ist es sicher? Wirkt es? Das sind vernünftige Fragen, und es sind die falschen für das, was kommt.
Die Frage, die über die Zukunft entscheidet, lautet anders: Wem gehört die Ablesung, und was ist es wert, eine Entscheidung zu kennen, bevor der Mensch sie trifft?
Die gesamte Aufmerksamkeitsökonomie ist ein einziger Versuch, Absicht vorherzusagen. Werbung bezahlt seit jeher für Intention. Klicks, Verweildauer, Suchverläufe sind lauter Näherungswerte für die eine Frage: Was will dieser Mensch als Nächstes? Gehirndaten liefern die Absicht, bevor sie bewusst wird. Das ist nicht eine weitere Datenquelle unter vielen. Es ist der Heilige Gral, dem alle Aufmerksamkeitsmärkte seit zwanzig Jahren mit immer feineren Umwegen hinterherlaufen. Die Nachfrage kommt nicht aus dem Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen ist der Eingang, nicht der Markt.
Nicht-invasiv heißt nicht folgenlos
Es gibt ein Wort, das in jeder Debatte beruhigend fällt: nicht-invasiv. Kein Eingriff, keine Operation, nur ein Sensor von außen. Das klingt harmlos, und es verschiebt die Aufmerksamkeit genau in die falsche Richtung.
Nicht-invasiv beschreibt das Skalpell. Es sagt nichts über die Folgen. Die Invasivität, die zählt, ist nicht chirurgisch, sondern informationell. Und dort dreht sich das Bild um: Ein nicht-invasiver Reif, der Aufmerksamkeit und Gefühlslage von Millionen gesunder Menschen liest, ist für einen Datenmarkt weit folgenreicher als ein chirurgisches Implantat, das ein paar tausend Patientinnen eine Handbewegung zurückgibt. Das Implantat heilt. Der Reif skaliert. Von den beiden ist der harmlos klingende tatsächlich der invasive. Und so überspringt gerade das Nicht-Invasive die Furcht der Phase zwei.
Chile hat 2021 als erstes Land die Unversehrtheit neuronaler Daten in die Verfassung geschrieben. Der Neurowissenschaftler Rafael Yuste und die Bewegung um die sogenannten Neurorechte haben das angestoßen, lange bevor es einen Massenmarkt gab. Das war weitsichtig, und es war die Ausnahme.
Wir haben mühsam gelernt zu fragen, wer unsere Daten besitzt. Die nächste Frage ist unbequemer, und wir stellen sie noch nicht.
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