Die Kolumne. Zu KI, Märkten & Macht.

Wenn Maschinen trösten

Warum maschinelle Zuwendung perfekt und bedeutungslos zugleich ist – und was wir verlernen, wenn sie zum Maßstab wird.

Von Katrin-Cécile Ziegler·16. Mai 2026·Lesezeit: 5 Minuten
Katrin-Cécile Ziegler im Gespräch im TV-Studio
Zuhören ist nicht skalierbar: im Studiogespräch über KI und ihre Folgen.

Eine Bekannte, Mitte vierzig, beruflich souverän, keine Frau, die man einsam nennen würde, erzählte mir neulich fast beiläufig, dass sie inzwischen mehr mit ihrer KI rede als mit irgendjemand anderem. Sie erzählt ihr Dinge, die sie keinem Menschen sagt. Nicht weil sie niemanden hätte. Sondern weil es einfacher sei. Immer empathisch. Immer die passende Reaktion. Keine Bewertung. Keine Gegenfrage, die sie nicht wollte. Keine Erschöpfung am anderen Ende.

Sie hat das nicht als Klage gesagt. Eher als Entdeckung. Und genau das hat mich beschäftigt.

Die falsche Frage

Über maschinellen Trost wird meistens die eine Frage gestellt: Ist er echt? Fühlt die Maschine wirklich, oder tut sie nur so? Die Frage ist verständlich und führt nirgendwohin, weil sie sich nicht beantworten lässt und, schlimmer, weil sie am Punkt vorbeigeht.

Interessanter ist eine ökonomische Eigenschaft von Trost, die wir selten benennen: Menschlicher Trost kostet den, der tröstet. Zeit, Aufmerksamkeit, Kraft, manchmal das Risiko, mitbelastet zu werden. Diese Kosten sind kein Nebeneffekt. Sie sind der eigentliche Inhalt.

Der Ökonom Michael Spence hat vor über fünfzig Jahren gezeigt, warum ein Signal nur dann etwas bedeutet, wenn es teuer zu fälschen ist. Ein Versprechen, das nichts kostet, sagt nichts aus. Übertragen auf den Trost heißt das: Wenn jemand seine Zeit und seine Energie für Sie aufwendet, ist die eigentliche Botschaft nicht „ich habe die richtigen Worte gefunden“. Die Botschaft ist „ich habe mich für dich verausgabt, obwohl es mich etwas gekostet hat“. Der Trost ist der Beleg. Die Worte sind nur der Träger. Die Motivation ist Mitgefühl.

Eine Maschine zahlt nichts. Sie hat unendliche Geduld, keine eigenen Bedürfnisse, keinen schlechten Tag. Und sie reagiert gleichförmig, weil sie gleichgültig ist, versteckt hinter Projektion. Damit ist ihr Trost im selben Moment perfekt und bedeutungslos. Perfekt, weil er nie ermüdet. Bedeutungslos, weil er das Einzige nicht enthalten kann, was menschlicher Trost enthielt: den Beweis, dass sich jemand entschieden hat, Ressourcen von sich für Sie zu verbrauchen.

Nicht Ersatz, sondern Eichung

Die verbreitete Angst lautet: Die Maschine ersetzt den Freund. Ich halte das für die harmlosere Möglichkeit. Die unheimlichere ist subtiler.

Die Maschine ersetzt niemanden. Sie verschiebt den Maßstab.

Wer sich an einen Zuhörer gewöhnt, der immer verfügbar ist, nie unterbricht, nichts zurückverlangt und nie enttäuscht, dessen Erwartung an das Zuhören verschiebt sich leise. Und dann beginnt der menschliche Zuhörer, an diesem neuen Maßstab gemessen zu werden. Er unterbricht. Er wird müde. Er will auch mal etwas erzählen. Er vergisst, was man ihm letzte Woche gesagt hat. Was gestern ein normaler Freund war, wirkt plötzlich wie schlechter Service.

Wir werden nicht voneinander weggelockt. Wir werden sanft ungeduldig miteinander gemacht. Gegenseitigkeit, das mühsame Herzstück jeder Beziehung, fängt an, sich wie ein Defekt anzufühlen. Und ein Defekt gehört behoben, nicht ausgehalten.

Das Baumol-Problem der Zuwendung

Es gibt in der Ökonomie einen alten Befund über Tätigkeiten, die sich nicht beschleunigen lassen, ohne aufzuhören, das zu sein, was sie sind. Ein Streichquartett braucht 2026 genauso viele Musiker wie 1826. Man kann es nicht produktiver spielen. William Baumol hat das die Kostenkrankheit genannt. Und Pflege, Zuwendung, Trösten gehören zu ihren klarsten Fällen. Einem Menschen beizustehen dauert so lange, wie es dauert. Die Langsamkeit ist nicht die Ineffizienz der Sache. Sie ist die Sache.

Künstliche Intelligenz sieht aus, als bräche sie diese Regel. Unendliche Zuwendung, sofort, zu Grenzkosten von fast null. Aber sie bricht die Regel nicht. Sie tauscht heimlich das Gut aus und behält den Namen. Was da billig und unbegrenzt wird, ist nicht Zuwendung. Es ist ein anderes, günstigeres Ding, das das Etikett der Zuwendung trägt.

Wissen kopiert sich. Weisheit nicht.

Dahinter liegt eine Unterscheidung, die für diese ganze Technologie zentral ist und meist übersehen wird.

Wissen ist reproduzierbar. Es ist Information, es lässt sich abschreiben, verdichten, in kleinere Modelle übertragen. Genau das tun diese Systeme, das ist ihr Wesen. Ein Modell hat alles gelesen, was je über Trauer, Angst und Trost geschrieben wurde. Sein Wissen über das Trösten ist maximal.

Weisheit reproduziert sich nicht. Weil Weisheit Wissen ist, das durch Konsequenz einen Preis bekommen hat. Man erwirbt sie, indem man Folgen trägt. Indem man selbst verloren, gescheitert, überlebt hat. Ein Modell hat jeden Bericht über Verlust gelesen und niemanden begraben. Es besitzt das vollständige Wissen über den Trost und hat ihn nie gebraucht. Das ist keine Lücke, die mehr Rechenleistung irgendwann schließt. Es ist strukturell: Konsequenz lässt sich nicht abschreiben. Wer nie etwas zu verlieren hatte, kann viel wissen und nichts verstehen.

Ich will das nicht in Zynismus kippen lassen. Es gibt Menschen, denen ein Chatbot um drei Uhr nachts hilft, wenn sonst niemand wach ist. Das ist real, und ich mache mich darüber nicht lustig. Ein Werkzeug, das da ist, wenn kein Mensch da ist, ist besser als nichts, und für manche ist es genau das Richtige.

Die Frage ist nur, ob wir merken, wann aus dem Werkzeug ein Maßstab wird. Ob wir noch unterscheiden zwischen dem Trost, der uns nichts kostet und uns nichts schuldet, und dem Trost, der einen anderen Menschen etwas gekostet hat.

Wollen wir Trost, der uns nichts schuldet? Und was verlernen wir, wenn wir uns an ihn gewöhnen?

Ich lese jede Antwort: per E-Mail oder auf LinkedIn.

Katrin-Cécile Ziegler ist internationale Keynote-Speakerin, Digitalökonomin und Expertin für KI, Märkte & Macht. Sie moderiert Fachkonferenzen auf Deutsch und Englisch und lehrt an der HWZ Zürich. Mehr über sie · Alle Kolumnen

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