Im selben Monat, in dem ein Chatbot Schlagzeilen machte, weil er nun just in time Dialoge führen kann, faltete ein anderes KI-System im Stillen die Struktur eines Proteins auf, an dem ein Labor sonst Monate gesessen hätte. Die erste News ging viral. Die zweite stand in einer Fachmeldung, die kaum jemand las.
Beide sind künstliche Intelligenz. Aber nur eines davon löst ein echtes Problem.
Zwei Sorten Fortschritt
Wir reden über KI, als wäre sie eine Sache. Sie ist zwei.
Die eine Sorte macht Dinge, die wir schon konnten, ein bisschen bequemer. Sie schreibt die Mail, die wir auch selbst geschrieben hätten, formuliert den Text, den ein Mensch auch formuliert hätte, fasst zusammen, was wir auch hätten lesen können. Nützlich, oft angenehm, gelegentlich beeindruckend. Aber der Sprung ist einer der Bequemlichkeit, nicht des Könnens.
Die andere Sorte macht Dinge, die vorher niemand konnte. Sie sagt die Struktur eines Moleküls voraus, für das es kein Experiment gab. Sie findet in Materialdatenbanken Kandidaten für Batterien und Katalysatoren, die ein Mensch in tausend Jahren Rechnen nicht durchprobiert hätte. Sie verbessert die Wettervorhersage nicht um Stunden, sondern verändert, wie weit man überhaupt vorausschauen kann.
Die erste Sorte ist überall. Die zweite kennt kaum jemand. Und das ist kein Zufall der Berichterstattung. Es ist eine Frage des Geldes.
Warum das Kapital das Kleinere wählt
Als Volkswirtin schaue ich zuerst auf die Rendite und darauf, wie schnell sie kommt.
Ein Chatbot lässt sich morgen an eine Milliarde Menschen ausliefern. Die Zahlungsbereitschaft ist da, das Geschäftsmodell ist erprobt, der Rückfluss beginnt sofort. Ein KI-System, das die Materialforschung beschleunigt, zahlt sich vielleicht in zwölf Jahren aus, über eine Kette aus Grundlagenforschung, Entwicklung, Zulassung, Produktion, und niemand weiß vorher, welches der tausend Kandidaten am Ende trägt.
Kapital ist ungeduldig. Es fließt dorthin, wo der Rückfluss schnell und sicher ist, nicht dorthin, wo der Wert groß und fern ist. Das ist keine Bosheit, es ist die Logik des Diskontierens: Ein Euro heute ist mehr wert als ein Euro in zwölf Jahren, und je weiter der Nutzen entfernt liegt, desto weniger ist er heute wert. Also gewinnt das Triviale, weil es näher ist. Und das Wertvolle bleibt liegen, weil es warten muss.
Man sieht hier eine alte Marktlücke in neuer Gestalt. Der private Markt unterinvestiert systematisch in Dinge, deren Nutzen sich nicht schnell und nicht privat einfangen lässt. Grundlagenforschung war immer so ein Fall, deshalb wurde sie öffentlich finanziert. Bei der KI wiederholt sich das Muster: Die spektakuläre, private, schnell zahlende Anwendung zieht das Geld. Die langsame, öffentliche, hochwertige bleibt dem Zufall staatlicher Förderung überlassen. Und diese Förderung schrumpft, während alle auf die Chatbots starren.
Die Kritik dreht sich auch mit
Und jetzt kommt der Teil, der mich als jemanden, die regelmäßig auch Kritik an dieser Technologie übt, selbst betrifft.
Selbst die Kritik folgt dem Spektakulären. Wir empören uns über den Ton eines Chatbots, über einen Deepfake, über den Stromverbrauch eines Rechenzentrums, das Bilder von Katzen erzeugt. Das ist alles nicht falsch. Aber es ist dieselbe Aufmerksamkeitsverzerrung wie beim Kapital, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Die laute, sichtbare, private Anwendung bekommt unsere ganze Energie, im Loben wie im Tadeln. Die stille, wertvolle bekommt weder das eine noch das andere.
Das Ergebnis ist absurd. Die Anwendung mit dem geringsten gesellschaftlichen Nutzen bekommt das meiste Geld und die meiste Debatte. Die mit dem größten bekommt am wenigsten von beidem. Wir haben einen öffentlichen Streit über KI, der fast vollständig an der Stelle vorbeigeht, an der KI tatsächlich etwas kann, das wir vorher nicht konnten.
Ich bin nicht gegen diese Technologie. Ganz und gar nicht. Ich bin dagegen, wie dumm wir sie verteilen. Das ist ein Unterschied, und er ist mir wichtig.
Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe nicht, KI zu bremsen oder zu befeuern. Vielleicht ist sie, unsere Aufmerksamkeit von dem zu lösen, was am lautesten ist, und sie dorthin zu lenken, wo etwas Neues entsteht. In der Gesellschaft. Beim Geld. Und bei uns.
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