Vor ein paar Wochen erzählte mir die Partnerin einer Kanzlei, wie zufrieden sie mit ihrem neuen System sei. Recherche, erste Entwürfe, das Durchsehen von Verträgen: alles, wofür die Berufsanfänger früher zwei, drei Jahre gebraucht hätten, erledigt die Software jetzt über Nacht. Die jungen Leute, sagte sie, könnten sich heutzutage auf das Wichtige konzentrieren.
Ich habe gefragt, woher die jungen Leute wissen sollen, was das Wichtige ist.
Sie hat einen Moment gebraucht.
Die Debatte zählt das Falsche
Seit zehn Jahren wird prognostiziert, dass KI Arbeitsplätze killt. Zuerst hieß es, die einfachen Jobs – dann, mit generativer KI, plötzlich doch die anspruchsvollen. Seit Jahren streiten wir über die Prognose-Zahl. Wie viele Stellen verschwinden? Zehn Prozent, vierzig, keine? Die Frage klingt hart und wichtig, und sie ist trotzdem die falsche. Denn sie misst die Hülle. Und wie sich bislang zeigt:
Die Jobs bleiben. Der Titel „Associate“, „Analyst“, „Redakteurin“ steht weiter im Organigramm. Was verschwindet, ist nicht die Stelle. Es ist der Inhalt. Und zwar ausgerechnet der Teil des Inhalts, der bisher niemandem als wertvoll galt.
Die Anfängerarbeit war nie wegen ihres Ergebnisses wertvoll. Das Ergebnis eines Erstjahres-Menschen ist mittelmäßig und wird korrigiert. Wertvoll war der Vorgang. Ein Mensch wird zur Expertin, indem er die langweiligen, langsamen, fehleranfälligen Aufgaben macht und danach hört, was daran falsch war. Die Korrektur war die Ausbildung. Die Volkswirtschaft hat dafür einen alten Begriff, der aus der Flugzeugproduktion der 1930er stammt: learning by doing. Kompetenz entsteht nicht durch Zusehen, sondern durch Tun mit Konsequenz.
Genau dieses Tun automatisieren wir jetzt weg. Wir haben die Kinderstube stillgelegt und nennen es Effizienz.
Warum jede einzelne Entscheidung richtig ist
Das Unheimliche daran ist, dass niemand einen Fehler macht.
Für die Kanzlei ist die Rechnung sauber. Die Anfängerarbeit ist teuer, langsam und wird ohnehin überprüft. Eine Maschine, die sie schneller und billiger liefert, verbessert jedes Quartal. Wer das nicht tut, verliert gegen den Wettbewerber, der es tut. Es gibt keinen betriebswirtschaftlich vernünftigen Grund, an der teuren Ausbildung durch Anfängerarbeit festzuhalten, sobald der Konkurrent sie abschafft.
Das ist die Struktur eines Allmende-Problems. Der gemeinsame Weidegrund ist hier der Bestand an Erfahrung im Arbeitsmarkt: der Nachschub an Menschen, die in zehn Jahren die schwierigen Fälle beurteilen können. Jede Firma zehrt rational von diesem Bestand, indem sie den Ausbildungsweg kappt. Und weil der Bestand allen gehört und niemandem, verteidigt ihn keiner. Selbst eine Kanzlei, die das Problem vollständig durchschaut, kann es allein nicht lösen, ohne sich dem Preiswettbewerb auszuliefern. Sie ist gefangen in einer Logik, die für jeden Einzelnen stimmt und im Ganzen ruinös ist.
Die Rechnung kommt mit Verspätung
Und dann ist da das Timing, das die Sache so tückisch macht.
Der Schaden zeigt sich nicht jetzt. Die heutigen Seniorinnen wurden auf die alte Weise ausgebildet, sie sind kompetent, alles läuft. Die Lücke entsteht in acht oder zwölf Jahren, wenn die Kohorte nachrücken soll, die statt Anfängerarbeit Knöpfe gedrückt hat. Menschen, die nie gelernt haben, einen schlechten Entwurf von einem guten zu unterscheiden, weil die Maschine ihnen immer nur den fertigen geliefert hat.
Und niemand wird diese Lücke der Entscheidung von 2026 zuschreiben. Der Abstand ist zu groß, die Kausalkette zu lang. Auf keiner Bilanz gibt es eine Zeile für „Erfahrung, die wir nicht mehr aufgebaut haben“. Es ist derselbe Mechanismus, den ich in ganz anderen Zusammenhängen sehe: Ein System optimiert das, was es messen kann, und die Kosten fallen dort an, wo sie niemand mehr zuordnet.
Was wir eigentlich verkauft haben
Ich glaube, ein Beruf war immer heimlich ein Doppelprodukt. Er lieferte ein Ergebnis, für das die Mandantin zahlte. Und er lieferte, im selben Vorgang und ohne eigene Rechnung, die Ausbildung der nächsten Generation. Der zweite Teil war im Honorar quersubventioniert. Man hat ihn nie ausgewiesen, deshalb hat man ihn für kostenlos gehalten.
Künstliche Intelligenz trennt die beiden. Sie liefert das Ergebnis und lässt die Ausbildung weg. Wir haben einen Rabatt bekommen und nicht gelesen, was gestrichen wurde.
Das ist keine Prognose über Massenarbeitslosigkeit. Im Gegenteil. Die Stellen bleiben eine Weile besetzt, die Statistik wird lange ruhig aussehen. Das eigentliche Ereignis ist leiser und findet innerhalb der Berufe statt: Sie werden von innen ausgehöhlt, während der Name über der Tür gleich bleibt.
Die Frage ist also nicht, ob Ihr Job verschwindet. Sie lautet, ob in Ihrem Beruf noch jemand nachwächst, der ihn in zwanzig Jahren kann. Und wer dafür bezahlt, wenn niemand mehr für die Anfängerarbeit zahlen will.
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